Gegen den modernen Fußball? Nö!

Die Nordtribüne Freiburg veröffentlichte am Wochenende einen interessanten und diskussionswürdigen Text zum ewigen Thema „Der moderne Fußball“:

Gegen den modernen Fußball? Nö
15. September 2012

Hoffenheim ist heute im Dreisamstadion zu Gast. Der Verein wird oft als Beispiel für den modernen Fußball genannt, gegen den sehr viele Fans – im besonderen Ultra-Gruppen – aufbegehren. Jedoch sollte man sich mit dem Begriff „moderner Fußball“ und der Kritik dahinter kritisch auseinandersetzen. Ziel dieses Textes soll es sein, einen Anstoß zu geben, die Parole „Gegen den modernen Fußball“ und die damit verbundene Kritik am Fußball zu überdenken, beziehungsweise anzupassen. Der Text stellt den aktuellen Stand der theoretischen Auseinandersetzung eines Mitgliedes der Flyer 2.0-Redaktion dar.

Smartphone-Apps?

Zunächst gilt die Frage, was unter modern, einem Begriff, der allen möglichen Zusammenhängen (Mode, Smartphones, Gebäudedämmung etc.) fällt, zu verstehen ist. Duden online beschreibt den Begriff „modern“ mit „der herrschenden bzw. neuesten Mode entsprechend“ also „dem neuesten Stand der geschichtlichen, gesellschaftlichen, kulturellen, technischen o.ä. Entwicklung entsprechend“. In anderen Worten wenn etwas „neuzeitlich, heutig, zeitgemäß“ ist. Als „modern“ sei auch zu bezeichnen wenn etwas „an der Gegenwart, ihren Problemen und Auffassungen orientiert, dafür aufgeschlossen; in die jetzige Zeit passend“ sei. Zudem hieße „modern“, dass etwas „der neuen oder neuesten Zeit zuzurechnen“ sei. Viele Worte, was genau nun aber mit „modernem Fußball“ gemeint seien könnte, erschließt sich nur bedingt. In der Philosophie fällt der Begriff unter anderem mit dem Beginn der Aufklärung, also dem Loslösen von der Willkürherrschaft der Kirche hin zu einem Denken nach rationalen Gesichtspunkten. Doch unter „modernen Fußball“ scheinen die vielen Fans etwas ganz anderen zu verstehen.

Nein! Profitmaximierung!

Benutzt wird der Begriff unter Fans häufig, ohne ihn wirklich zu definieren. Obwohl fast kein Text einer Ultra-Gruppe ohne ihn geschrieben wird und fast keine Fanszene ohne eine „Gegen den modernen Fußball“-Zaunfahne auskommt, wird er selten definiert. Die Gruppe Schickeria München tut dies auf ihrer Homepage allerdings sehr ausführlich – in einem „Manifest gegen den modernen Fußball“. Sie stellen klar, dass er nicht im „Zusammenhang mit Neuerungen im Spielsystem der Mannschaften“ steht. Es geht nicht um das Spiel an sich, sondern viel mehr um das Drumherum. Für sie – und das lässt sich auch für das Gros der anderen Gruppen sagen – steht der Begriff dafür, dass das „Interesse der Profitmaximierung über alle anderen Interessen im Fußball gestellt wird“.

Versuch einer Analyse

Von welchen konkreten Profitmaximierungsprozessen ist hier die Rede? Dies wird ebenfalls dargestellt. Es geht um die Themen, die eigentlich alle Fans, die zum Fußball gehen, betreffen. Beklagt wird ein „Einfluss von Sponsoren und TV-Anstalten“, was beispielsweise dazu führe, dass sich bei Montagsspielen nicht nach den auswärtsfahrenden Fans gerichtet werde. Die Fans würden als „Kunden begriffen“ werden und dass obwohl „Fußballvereine […] ihren Fans [ gehören und] […]kein Spielball von […] neurotischen Managern und Investoren sein [sollten], kein Spekulationsobjekt für Aktionäre und Konzerne“. Schuld sei, so konkret wird Schickeria in ihrem Text, die „Profitgier“ von Konzernen und die „Vermarktungsinteressen der Bosse“. Diese Schlussfolgerung legt nahe, dass sich, wenn sich doch endlich die sogenannten „Bosse“ besser verhalten würden, es unserem Fußball und damit uns Fans, besser gehen würde. Eine solche Denkweise führt allerdings zu keinem Erfolg. Schließlich sind Fußballvereine nun mal in erster Linie Wirtschaftsunternehmen, die sich auf dem Markt behaupten müssen. Geld nehmen sie durch die Vermarktung ihres Sportes ein. Denn bei einem Fußballspiel wird ja keine Ware produziert, die einen Gebrauchswert hat und somit verkauft werden könnte, um damit beispielsweise (wie bei einem Werkzeug oder einer Maschine) Arbeitsprozesse zu vereinfachen. Es wird in den 90 Minuten kein (direkter) Wert geschaffen.
Doch wie wie schaffen es dann Fußballvereine trotzdem zu überleben? Dazu müssen diese und jeder einzelne Verein sich so einiges einfallen lassen. So stehen Fußballvereine zwei Konkurrententypen gegenüber. Auf der einen Seite sind es, das ist naheliegend, andere Fußballvereine, mit denen die Vereine ja auch sportlich direkt gegeneinander kämpfen. Doch steht der Fußball auch in Konkurrenz, auch wenn man dies als Fußballfan oft nicht gerne einsehen will, mit anderen Unterhaltungsmöglichkeiten. Da sind zum einen andere Sportarten, aber auch – so ehrlich sollte man sein – beispielsweise das Kino oder das Theater. Um in diesem Kampf zu überleben, muss sich der Fußball und hier konkret die – wie Schickeria sie nennt – Bosse irgendetwas ausdenken.
Schließlich werden die Spieler für ihre Arbeit, die eben die Ware des Vereins ist (denn um die Spieler spielen zu sehen, bezahlen ja die Fans ihren Eintritt), bezahlt. Könnte dieses Geld nicht aufgebracht werden, würde der Verein bankrott gehen. Bezahlen könnte man dies mit den Einnahmen, die im Kartenverkauf gemacht werden. Dies reicht jedoch nicht aus. Also müssen die ganze Zeit neue Konzepte entworfen werden. Es findet Sponsoring statt. Ein Sponsor gibt Geld in der Regel aber nicht aus Wohltätigkeit, sondern erhofft sich daraus eine Win-Win-Situation, denn auch diese Firma muss auf dem Markt gegen Konkurrenten bestehen. (Gleiches Spiel in einer anderen Branche) Also wird dieser versuchen, Einfluss auszuüben, um seine Marke gut im Stadion präsentiert zu bekommen. Sein Motiv ist hier nicht Gier, sondern der Wille auf dem Markt eine bessere Stellung zu erreichen. Schafft das der Unternehmer (sprich: Kapitalist) nicht, würden sogar Arbeitsplätze verloren gehen, da das Unternehmen pleite ginge. All diese Prozesse sind klassische Prozesse des Kapitalismus und da der Fußball nun einmal Teil von diesem ist, kann er sich den Prozessen auch nicht entziehen. St. Pauli als der etwas andere Verein macht im Prinzip nichts anderes. Nur versucht er sein etwas anderes Image zu vermarkten und versucht so mehr Geld zu verdienen. Festzuhalten gilt: Der Fan ist Kunde und zwar nicht, weil er von Bossen so wahrgenommen wird, sondern weil der Verein ihn als solchen braucht, um überleben zu können. Der Fußballverein als Wirtschaftsunternehmen ist Spielball von Konzernen, denn er ist auf diese angewiesen, um im Konkurrenzkampf zu überleben. Unsere gesamte Gesellschaft funktioniert nach diesem Prinzip – es nennt sich Kapitalismus.

Früher war alles besser?

Die Auswirkungen (nicht die Ursachen – diese sind ja kaum Thema) dieses Prinzips nennen viele Ultra-Gruppen nun „modernen Fußball“. Dieser Begriff impliziert, dass es sich um eine neue Entwicklung handeln würde, also in der Vergangenheit eine Art „unmoderner Fußball“ stattgefunden habe, der frei von all diesen Abläufen war. Hierzu lohnt sich ein Blick in die Geschichte des Profifußballs. Diese beginnt 1888 in England mit der Gründung der ersten Profiliga. Interessanterweise fällt diese mit der ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts aufgrund der industriellen Revolution einsetzenden Industrialisierung und dem Entstehen des Kapitalismus zusammen. Zu Beginn war der Profifußball (nicht der Fußball!) in der Regel deshalb auch ein Sport der Oberschicht, da in der Anfangszeit des Kapitalismus Arbeiter aufgrund sehr schlechter Arbeitsbedingungen keine Zeit für Sport auf hohem Niveau hatten. Wichtig ist, dass von Anfang an der Profifußball ein kapitalistischer Sport war. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Fußball zudem noch vom Militär entdeckt, was heute noch an vielen militärischen Begriffen in unserem Fußballwortschatz abzulesen ist, wo von Angriff, Deckung und Parade die Rede ist. Ob ein Militärsport den Vorstellungen der Ultra-Gruppen, die von modernem Fußball sprechen, eher zusagt, darf man anzweifeln.

Mit dem Blick in die Zukunft!

Was ist nun die Schlussfolgerung? Wenn wir unsere Situation als Fans und die Situation des Fußballs insgesamt verbessern wollen, dann müssen wir endlich damit beginnen, diesen in einen gesellschaftlichen Kontext zu setzen. Es ist nicht möglich den Fußball aus all diesen Prozessen zu lösen und quasi freischwebend über der Gesellschaft stattfinden zu lassen, denn alles beginnt damit, dass der Spieler für seine Arbeit bezahlt werden muss, damit er seine komplette Zeit für den Sport hergeben und nur so auf ein solch hohes Niveau kommen kann. Gegen die kommerziellen Seiten des Fußballs zu sein, muss also auch immer bedeuten gegen die Prinzipien und Abläufe des Kapitalismus zu sein und nicht gegen die einzelnen Handlungsweisen von Managern, die nämlich in ihren Handlungen nur sehr wenig oder sogar keine Handlungsspielräume haben. Sie unterstehen einem Zwang, sofern sie den Verein weiterhin erfolgreich führen wollen.
Zudem sollten wir den albernen Begriff des „modernen Fußballs“ endlich auf den Müll schmeißen. Modern ist nichts daran und wohin wollt ihr bitteschön zurück? Wenn wir theoretisch über Stammtisch-Niveau („Früher war alles besser!“) kommen wollen, dann sollten wir als unser Ziel nicht die Vergangenheit vor Augen haben, sondern die Zukunft. Lasst uns neu denken: einen Fußball, der frei ist von all dem Quatsch, der uns Woche für Woche nervt. Ein Fußball, der aber auch frei ist von Diskriminierung. Ich glaube, das hat sich im heutigen Fussball deutlich verbessert. Ein solch neuer Fußball, der mehr Spaß macht, wäre im Prinzip modern, lasst uns also Zaunfahnen aufhängen: Für einen modernen Fußball!